in Ermangelung der eintretenden Konsequenz von erstens a[Arbeit = notwendig] und somit zweitens b[keine Arbeit = tödlich] ist ein Ergebnis von 0 nicht auszuschließen
Beherzt beheimatet
Menschliches, Allzumenschliches / 379 ff.
Von zu Hause kam ich erst weg, als ich wieder hinging, wobei auch da die Verbindung nicht so richtig zu kappen war, allerdings nah dran. Wie das mit Müttern eben so ist - sie wissen was sie von dir wollen aber du weißt nicht, dass sie es wissen und wunderst dich bloß woher deine inneren An- und Umtriebe plötzlich kommen.
Selbst wenn du bereits herausgefunden hast, dass es die Erwartungen der Mütter sind, kannst du diese Innenparzellen nicht vollständig einsehen, analysierst da irgendwo an der Oberfläche herum und verwirrst dich im Nebel. Der setzt mittlerweile schon bei etwa 17 Jahren an, das was davor war, liegt schon teilweise oder gänzlich im Nebel und manchmal ist das gut, manchmal schlecht, dass man sich eben nicht mehr so genau erinnern kann an all die Stories mit den nervigen Details vom Zähne kriegen und von unbefriedigenden Geburtstagsgeschenken.
Die mütterlichen Erwartungen also bestimmen Tun und lassen bis weit in die Abgrenzungsphase hinein und man hat keinerlei Einsicht, was dann dazu führt, dass man die Dinge des ungelingenden Alltags auf ganz andere Ursachen zurückführt, auf übliche Angewohnheiten, schlechte Bedingungen, auch gerne auf falsches Eingestelltsein von Natur aus, wie eben jeder diesen oder jenen Fehler hat, ist ja auch ganz normal.
Interessanterweise meint man aber an den Ursachen – also an denen, die man fälschlicherweise statt der mütterlichen Erwartungen benennt, herumlaborieren zu können. Frei nach der Devise, man könne sich beherzt und sorglos weiterentwickeln, dreht man mal hier mal da an den Schrauben der sogenannten sekundären Persönlichkeit. Das mag kurzfristig zum Erfolg führen, insgesamt stellt sich aber eine Art Verzerrung ein, die wiederum nach Rekonstruktion verlangt und damit zum Ausgangspunkt zurückführt bzw. einen Großteil der damit zugebrachten Zeit als Verschwendung kennzeichnet. Auch das Lesen dieses Textes aus Interesse fällt in diese Verschwendungszeit.
Um davor zu bewahren, sei stets angeraten von Anfang an den richtigen Ansatz aufzusuchen und die mütterlichen Erwartungen in Augenschein zu nehmen um die Verbindung zum zu Hause zu kappen und ein gutes Stück Autonomie über das eigene Handeln zu erlangen.
Als der Kitsch kam
du und ich und mona
Touristenhass ist Selbsthass, wer sagt denn, dass ich etwas besseres bin als die anderen 42 Menschen die mit mir gemeinsam die Mona Lisa begaffen? Wer gibt mir das Recht den Louvre für ein paar Stunden nur für mich haben zu wollen, ohne ätzende Powerhopper aus Asien, die mit mangamäßiger Begeisterung von einem Bilderrahmen zum nächsten rennen, sich aufstellen, ablichten, weiterrennen, aufstellen, abwarten bis keiner mehr im Bild rumsteht, ablichten, weiterrennen, aufstellen… abgesteckte Routen wie beim Kajakslalom, die Tore in der richtigen Richtung nehmen und bloß keins auslassen. Zum Glück gibt es in den Orientierungsplänen Markierungen mit Miniaturen der wirklich wichtigen Werke, damit auch ja kein Bild umsonst angesteuert werden muss.
Während zahlreichen Stops auf Lederbänken habe ich umringt von Meisterwerken, um mich von meinen schmerzenden Füßen abzulenken, intensiv darüber nachgedacht, was wohl in diesen kleinen asiatischen Köpfen hinter den grinsenden Gesichtern vorgehen mag. Und dabei ist mir aufgefallen wie unheimlich tiefgründig dieser Vorgang doch eigentlich ist: Kontextbildung auf der Suche nach dem richtigen Hintergrund. Denn die Bilder an sich sind nichts wert. Sie eignen sich nur mehr oder weniger gut als dekorative Umgebung für eben jenen Menschen, der sich mit ihm ablichtet und so in einen völlig neuen Zusammenhang gerät, so als sei er selbst in all den Welten zu Hause, die er besichtigt und einfängt mit seiner kleinen aufdringlichen Kamera. Der Mensch im Zentrum. Macht sich die Welt zu eigen und räumt nichts und niemandem eine größere Bedeutung ein als sich selbst.
Ich komme mir dagegen verloren und kleingeistig vor, schleppe mich missmutig weiter von Kunst zu Kunst und rege mich innerlich darüber auf, dass man wegen der blöden Gaffer vor der Mona Lisa kaum Zutritt zu den im gleichen Raum hängenden Werken von Veronese hat. Was für eine Verschwendung, denke ich und versuche zwanghaft aus einem scheinbar unbedeutenden freistehenden Ölbild irgendeinen bleibenden Eindruck herauszuzerren. Am Abend liege ich frustriert in meinem Safari Etnostyle Hotelzimmer und hake den Besuch im Louvre als überflüssig ab. Was soll’s. Ich werd mir einen Bildband kaufen und mich per Fotokollage ins obere Geschoss vor die alten Meister montieren. Dann hab ich wenigstens was zum vorzeigen, falls mal einer nachfragt.
Aug’ um Auge
Jedenfalls hat er früher auch schon mit dem Ding rumgespielt und damit im Keller die Figuren aus den Überraschungseiern abgeschossen. Aus lauter Langeweile holte er es also wieder raus sein altes Luftgewehr, verkroch sich in den Keller und machte da weiter wo er vor zehn Jahren aufgehört hatte. Blöd nur dass ihm die Munition ausgegangen war. Extra losziehen, neue Luftgewehrkugeln kaufen, wieder zurück in den Keller, dann endlich kann’s losgehen. Er zielt also auf ein Figürchen, was liebevoll drapiert auf einem extra dafür angefertigten Holzpodest steht, mit Rückwand, auch aus Holz. Die Kugel trifft. Aber nicht etwa die Figur, sondern das härteste Stück Holz weit und breit, ein Astauge. Physikalisch richtig prallt das Geschoss Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel vom Astauge zurück und fliegt weiter, hinterhältig wie eine Gewehrkugel eben ist, den Gewehrlauf entlang bis zu seinem eigentlichen Ziel, erreicht wie ein Speedclimber den Gipfel des Gewehrhangs und provoziert dort oben eine kurzen aber heftigen Schrei.
Geradeso als hätte das Astauge zurückgezielt, trifft die Kugel das Auge des Schützen, welches eine Millisekunde zuvor am Lauf entlang auf die arme Figur gezielt hatte und nun nicht mehr weiß wie ihm geschieht. Der Schütze rennte zum Spiegel, fester Überzeugung eine Riesensauerei in seinem Gesicht zu entdecken, wird aber in seinen Erwartungen enttäuscht, kein Blutstrom, kein Anblick völliger Zerstörung. Die Kugel steckt gerade noch sichtbar im Auge, wie eine dieser kleinen Fliegen, die beim Fahrradfahren mit voller Wucht auf uns einströmen und Vollbremsungen provozieren ohne aber allzu großen Schaden anzurichten.
Das Geschoss ließ sich herausoperieren und das Auge des Schützen erholte sich innerhalb weniger Tage wenigstens physisch. Psychisch sieht es anders aus. Im Trauma schießt das Astauge immer wieder auf das Schützenauge. Schrecksekunden im Alltagstrott. Der Schütze hatte Glück und kann sich nicht mal sicher sein, ob er es überhaupt verdient. Unglück im Glück im Unglück. Und vor allem nie wieder unbeschwertes Luftgewehrschießen im Keller. Besser so? Ist Ansichtssache.
Regal
unbelehrbar
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